Der Haiku-Dichter Matsuo Basho
- Maria Schuppler
- 14. Dez. 2024
- 4 Min. Lesezeit
Im letzten Beitrag habe ich ein wenig über die Gedichtform Haiku nachgedacht. Dabei war auch kurz die Rede von Matsuo Basho, einem der bekanntesten und bedeutendsten Haiku-Dichter Japans. Um ihn geht es mir heute.
Zunächst stelle ich sein Leben vor, anschließend sein Werk im groben Überblick, dazu einige ausgewählte Haiku . Für beides benutze ich das Buch "Basho, Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland". Es ist in der Dieterich`schen Verlagsbuchhandlung Mainz erschienen,,1985, Neuauflage 2021, ISBN 978-3-87162-075-I
Die Neuauflage ist mit einem Nachwort von Ekkehard May versehen, Einführung, Anmerkungen und Übersetzung stammt von G. S. Dombrady.
Matsuo Basho wird 1644 als Sohn eines Samurai niederen Ranges geboren. Mit 13 Jahren verliert er seinen Vater und beginnt bei der Herrschaftsfamilie seinen Dienst (Genaues Jahr dabei unklar). Mit ungefähr 20 Jahren beginnt er Studien beim Dichter Kitamura Kigin in Kyoto, genießt dort eine universelle Ausbildung, vor allem aber in verschiedenen Dichtungsgattungen und klassischer Literatur.
Er erlangt immer mehr Ansehen als Haikai-Dichter (so hießen die Haiku in dieser Zeit). Einschneidende Erlebnisse sind in den Lebensjahren zwischen 20 und 30 der Tod seines Freundes (dessen Bediensteter er ursprünglich war), woraufhin er sich selbst zunächst das Leben nehmen will. Er quittiert seinen Dienst und verläßt die Heimat. Mit 29 Jahren nimmt er an einem wichtigen Gedichtwettstreit teil, folgt weiter seinem Lehrer Kigin nach Edo und wird durch die Motivation eines Freundes bald selbst Haikai-Lehrer. Um überleben zu können, nimmt er viele Arbeiten von Handwerk bis Arzthilfe an.
Sein Ruf als Haikai-Lehrer und -Dichter verbreitet sich immer mehr, sodaß er in seinem 36. Lebensjahr ein etablierter Haikai-Meister ist. Er bekommt von einem Gönner eine kleine Hütte und er wird seßhaft. Dazu schenkt ihm ein Freund eine Bananenstaude.
Bisher hatte er verschiedene Künstlernamen gebraucht, nun , da ihm die Bananenstaude ans Herz gewachsen ist, nennt er sich Basho, das heißt "Bananenblatt" oder Bananenstaude".
5 mehrmonatige Reisen, ein Jahr Einsiedelei folgen, seine Bananenstaudenhütte brennt ab, sie wird von ihm zu einem späteren Zeitpunkt neu errichtet.
Im 51. Lebensjahr stirbt er, der Legende zufolge an einem Pilzgericht, seiner Lieblingsspeise. Allerdings war er schon erkrankt von einer Reise zurückgekehrt.
Sein Abschiedsgedicht (jisei) von der Welt, auf Wunsch seiner Schüler 2 Tage vor seinem Tod entstanden, zeigt seine Einstellung zum Schreiben von Gedichten: Schreiben ist (sein) Leben!
"Das Alltägliche Gedicht ist das Jisei!
Was könnte in diesem Augenblick Anderes sein?"
(zitiert nach G. Staufenbiel von der Webseite www.teeweg.de)
Sein Werk
Immer unterwegs sein, das hat Basho sein Leben lang geprägt und ihn zum Wanderdichter gemacht. Die Tagebücher zu seinen Reisen zeugen von seiner enormen Kreativität. Mit Haiku, Haibun (beschreibende Prosatexte, die mit einem Haiku enden) und Tuschzeichnungen, die wie gemalte Haiku wirken. Im Laufe der Jahre bereist er Japan von Ost nach West, von Nord nach Süd, immer mit einem bestimmten Ziel vor Augen, seien es wichtige buddhistische oder shintoistische (eine Naturreligion in Japan) Heiligtümer, der Besuch eines Dichterkollegen, ein Ort von Kriegshandlungen oder ein Bergmassiv. Da er inzwischen bekannt ist, möchten viele Menschen, die ihm begegnen, ob als Gastgeber oder kurze Zufallsbekanntschaft auf dem Weg, von ihm ein Haiku mit auf den Weg bekommen. Es entstehen sehr viele dieser Kurzgedichte, die so einfach wirken, aber nie ohne Tiefgang geschrieben sind. Er durchläuft, wie die meisten Künstler, verschiedene Lebensepochen, die seinen Stil verändern und er nimmt immer wieder auch Einflüsse von anderswoher auf, wie z.B. aus der damaligen chinesischen Dichtung.
Nur wenige seiner Werke sind ins Deutsche übertragen worden.
Werke im Überblick:
Hunderte von Haikai (später Haiku genannt)
Haibun (Sammlungen, zB.: Saga-nikki, Haibun über das Umpflanzen einer Bananenstaude)
Minashiguri (bedeutet: leere Kastanienschalen), Haikai-Sammlung
5 Reiseaufzeichnungen:
- Nozarashi-Kiko ((Aufzeichnungen eines der Witterung ausgesetzten Skeletts) 1684
- Kashima-Kiko (Besuch des Kashima-Schreins)
- Oi no kobumi (Aufzeichnungen einer reisegetragenen Tasche), Haikai-Sammlung
- Sarashina-kiko (Ein Besuch in Sarashina)
- Oku no hosomichi (auf schmalen Pfaden durchs Hinterland), Reisetagebuch der letzten Reise, 1689
Sarumino (bedeutet: Äffchens Strohmäntelchen), Haikai-Sammlung
Sumidawara (bedeutet: Holzkohlensack), Haikai-Sammlung
Dies ist nur eine Auswahl. Die bekanntesten, wie das Oku no hosomichi sind sehr gut ins Deutsche übersetzt, wie auch eine Sammlung verschiedener Haibun, ebenfalls in der Dieterich`schen Verlagsbuchhandlung, Mainz, von Ekkehart May übertragen und erläutert.
Einige markante Haiku stelle ich hier vor:
Natur
Stille....!
Tief bohrt sich in den Fels
das Sirren der Zikaden....
Verwendung der Alltagssprache
Nichts als Flöhe und Läuse!
Und nah an meinem Kopfkissen
pißt auch noch ein Pferd!
Einfachheit, Unbefangenheit
Dank der Abendkühle
fühle ich mich ganz wie zu Hause -
gemütlich ausgestreckt!
Jahreszeiten
Rot glüht die Sonne,
brennt erbarmungslos herab -
ungeachtet des Herbstwinds!
Wie verehrungswürdig!
Zarte Blätter - grüne Blätter
von Sonnenstrahlen durchglänzt....
Lebensweisheit
So ist es mit der Muschel:
geht schwer auseinander - wie wir....
im scheidenden Herbst...
Vielleicht regt diese kurz Einführung in ein vielfältiges, kreatives Leben und Schreiben den einen oder anderen Leser dazu an, sich selbst auf diesen Weg zu machen und Neuland zu erkunden.
Literatur dazu gibt es in Hülle und Fülle, ebenso zu den abgeleiteten Formen wie Haibun (Prosa+Haiku, Foto+Haiku), Haiku-Fotografie, verwandt dazu Tuschmalerei und das Entdecken von Wabi-Sabi....
Zuguterletzt hier eine kleine Hommage von mir an Basho, den Wander-Dichter, Initiator eines eigenen Reiseweges:

steiniger weg
in den räumen dazwischen
wartend die zeit
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